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Forschungsprojekte

Die Text-Bild-Rezeption Ovids im Trecento.
Die Berchorius-Handschrift in Gotha (Forschungsbibl., Membr. I 98) und ihr kultureller Kontext

 

Zusammen mit Prof. Dr. Christel Meier-Staubach (Münster
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. des. Caroline Smout

gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

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Forschungsbibliothek Gotha, Membr. I 98, Petrus Berchorius Ovidius moralizatus

Nach der Wiederentdeckung Ovids im 12./13. Jahrhundert ("Aaetas Ovidiana") setzte im 14. Jahrhundert eine neue intensive Auseinandersetzung mit seinen Metamorphosen ein. In diesen Zusammenhang gehört auch der sogenannte Ovidius moralizatus des Petrus Berchorius, dessen Erstfassung um 1340 in Avignon entstand. Diese systematische Auslegung der von Ovid erzählten Geschichten hat sichtlich eine Legitimierung und Aufwertung der antiken Poesie im Sinn. Bereits um 1350 entstand zu diesem Text in Bologna - vermutlich für Bruzio Visconti - eine auf über 200 Bilder angelegte Illustrationsfolge, die den narrativen Gehalt und die emotionale Spannung der Erzählungen herausarbeitet sowie ein besonderes Interesse für die vielfältigen Verwandlungen von Menschen in Tiere und Pflanzen entwickelt, das sowohl psychologisch als auch naturkundlich motiviert ist. Dieser bislang weitgehend unbekannte Zyklus soll systematisch in den Text-Bild-Beziehungen erschlossen und in den kulturellen Kontext des Frühhumanismus eingeordnet werden. Es handelt sich dabei um ein Schlüsselwerk für die Rezeption des antiken Mythos im 14. Jahrhundert.
Mythos und Allegorie im italienischen Trecento

  Die entscheidende Weichenstellung für das neuzeitliche Verständnis des antiken Mythos liegt im Trecento. Auch wenn bereits in den Jahrhunderten zuvor eine Rezeption der einschlägigen antiken Texte stattgefunden hat, erreicht dies in der Zeit um 1300 eine neue Intensität. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Poesie und der Aufwertung des Schreibens in der Volkssprache (volgare). Neben Dante, Boccaccio und Petrarca spielen hier eine Reihe weiterer Autoren eine Rolle. Die Allegorisierung der antiken Mythen scheint häufig nur ein Modell gewesen zu sein, welches die Anbindung an das christliche Weltbild ermöglicht sowie Mythos und Poesie von dem Vorwurf des Irrelevanten schützt. Deutlich ist vielmehr ein Interesse an dem narrativen Gehalt der Mythen und insbesondere an dem dort entfalteten emotionalen Drama. Dies prägt auch die in größere Zahl entstehenden Bildfassungen - wie jene prächtige Ovid-Handschrift (Petrus Berchorius) in Gotha (Forschungsbibliothek Cod. Membr. I 98) oder die lebendigen Zeichnungen einer Ovid-Übersetzung in Florenz (Bibl. Nazionale, Ms. Panciatichi 63) Der Mythos wird zu einem Vehikel neuer Erfahrungen und übt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit ein.
Das Projekt ist als ein Baustein für ein differenzierteres Verständnis der Kunst des Trecento und ihrer spezifischen Modernität zu versehen.
Kunst und Kommune im mittelalterlichen Italien

  Die Entstehung politisch selbständiger Stadtstaaten gehört zu den spannendsten Phänomenen des Mittelalters. Insbesondere die oberitalienischen Städte erlangten im 12. Jahrhundert eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Auf die Herausbildung eigener Institutionen folgt seit etwa 1200 die Errichtung von Stadtpalästen, in denen die neu gebildeten Gremien tagen können. In diesem Kontext entsteht eine politische Bildersprache, welche die wirksame Beschwörung der gemeinsamen Ideale zum Ziel hat. Die neue Aufgabe führt sehr bald zur Entwicklung neuartiger Formen des Bildgebrauchs. Während zunächst die Figur des Stadtpatrons sowie alttestamentliche Exempla im Mittelpunkt stehen, konzipiert man gegen Ende des 13. Jahrhunderts immer komplexere Allegorien, um die politischen Leitbilder zu veranschaulichen. In einer Art Längsschnitt soll die Entwicklung dieser politischen Bildersprache nachgezeichnet werden. Es geht also im Grunde um die zumeist vergessene Vorgeschichte der berühmten Fresken des Ambrogio Lorenzetti im Palazzo pubblico von Siena.

ABGESCHLOSSENE FORSCHUNGSPROJEKTE


Bild und Wissenschaft.
Die Geschichte mittelalterlicher Sternbilderdarstellungen von 800 bis 1500

 

Zusammen mit Dr. Mechthild Haffner und Dr. Wolfgang Metzger.
gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)


Bei dem von der DFG finanzierten Forschungsprojekt ging es um eine systematische Untersuchung des wohl umfangreichsten zusammenhängenden Komplexes profaner Bildillustration in Mittelalter und Renaissance, der in einem engen Zusammenhang mit der Wissenschaftsgeschichte steht. Zugleich handelt es sich dabei auch um eine Fallstudie zum Bildgebrauch, da die unterschiedlichen Intentionen, die jeweils zum Aufgreifen dieses Bildzyklus geführt haben, analysiert und die Geschichte dieses speziellen Bildinteresses schildert. Dabei ist vor allem die besondere Rolle der Bilder bei der Installisierung, Verbreitung und Stabilisierung von Wissen von Interesse. Die unterschiedlichen Formen des Bildgebrauchs, die in diesem klar umgrenzten Bereich - geradezu wie in einem Versuchsmodell - zu beobachten sind, wurden im Einzelnen analysiert und auf ihre Verallgemeinerbarkeit befragt. Die Bestimmung der konkreten Funktionsweisen von Bildern in diesem bislang so wenig untersuchten Bereich profaner Kultur des Mittelalters hat von daher wichtige Ergebnisse für eine umfassendere Typologie des Bildgebrauchs erbracht. Das Projekt ist mittlerweile im Wesentlichen abgeschlossen. Eine umfassende Publikation zu den Sternbilderdarstellungen von 800 - 1200 ist bereits 2012 im Akademie-Verlag in Berlin erschienen. Das Manuskript für eine entsprechende Publikation zu den Sternbildern 1200 - 1500 ist abgeschlossen, der Druck befindet sich in Vorbereitung
 

The Michel-of-Rhodos-Projekt

  Eine internationalen Forschergruppe am Dibner-Institute for the History of Science and Technology des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Mass./USA hat eine Edition und Kommentierung der Aufzeichnungen des Michael von Rhodos (Michali da Rodi), eines venezianischen Flottenkapitäns des 15. Jahrhunderts, erarbeitet.
Dieser Michael von Rhodos hat Texte zur Arithmetik, Schiffsbau, Navigation und Astrologie zu einem Handbuch zusammengestellt und mit Illustrationen versehen. Es handelt sich dabei um ein bedeutendes und höchst aussagekräftiges Dokument der sich verändernden Wissenskultur der Frührenaissance, das hier zum ersten Mal erschlossen wird. Das praktische Wissen der Seefahrer und Handwerker findet jetzt ein breiteres Interesse in intellektuellen Kreisen und wird zu diesem Zweck verschriftlicht und mit anschaulichen Bildern versehen. Ziel dieser Texte, die eher einen literarischen Charakter tragen, ist keinesfalls der konkrete Ausbildungsbetrieb, sondern vielmehr der allgemeine Diskurs der Nicht-Fachleute. Durch Herstellung und Besitz eines derartigen Buches kann Michael von Rhodos an einem gesellschaftlich höher bewerteten Milieu partizipieren.
Die Publikation ist mittlerweile erschienen:
Michael of Rhodes, A Fiftheenth-century Venetian Maritime Manuscript,
ed. By Pamela O. Long, David McGee, Alan M. Stahl, 3 Volumes, MIT-Press, Cambridge/Mass. 2009.

 

Textillustrations of Ovid's Metamorphoses. The German tradition in its European context.
 

zusammen mit Prof. Dr. Luba Freedman (Jerusalem)
in Kooperation mit Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich (Bern)

Gefördert von der German-Israeli Foundation for Scientific Research and Development

Frankfurt_1563_1935

Die textbegleitende Druckgraphik zu den Metamorphosen des Ovid im deutschsprachigen Raum soll bis etwa 1800 erfasst und untersucht werden. Die Verbreitung sowie der Zuschnitt der verschiedenen Illustrationen erlaubt wichtige Rückschlüsse auf die Auseinandersetzung mit diesem zentralen Werk der antiken Literatur, das zugleich den bedeutendsten Fundus antiker Mythologie bereitstellt. Insbesondere sollen die sich wandelnden Rezeptionsinteressen herausgearbeitet werden. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Illustrationsfolge des Nürnberger Kupferstechers Virgil Solis (1514 - 1562). Das Projekt steht im Zusammenhang mit dem "Ikonographischen Repertorium zu den Metamorphosen des Ovid" (Berlin: Gebr. Mann 2004 ff.).